100 JAHRE - 1894 BIS 1994
BÄCKEREI, KONDITOREI, TEA ROOM
F. HANSELMANN'S ERBEN AG, 7500 ST. MORITZ
Hundertjähriges Geschäftsjubiläum, wie leicht sagt sich das. Befriedigung und Stolz schwingen
mit, wenn das von einem Betrieb gesagt werden kann. Und doch, was steht an Arbeit, Einsatz, Aufopferung, aber auch
an Freude, Erfolg und Befriedigung hinter einem solchen Meilenstein in der Geschichte eines Unternehmens. Unter
diesem Gesichtspunkt wollen wir der Menschen, die diese Entwicklung ermöglicht und getragen haben oder heute
tragen, gedenken, ihre speziellen Leistungen und Verdienste würdigen.
Fritz Hanselmann und seine Frau Theresia, geb. Müller, sind die Gründer der Firma. Beide kamen aus Süddeutschland,
Fritz Hanselmann aus Crailsheim, Frau Theresia aus Langenargen am Bodensee. Sie waren, wie man heute sagen würde,
Gastarbeiter, Fritz Hanselmann Oberbäcker im Kulm-Hotel, Frau Theresia in einem Privathaushalt in Chur.
Nach ihrer Vermählung eröffneten sie eine eigene Bäckerei im heutigen Haus Elvezia. Auf Wunsch der
Gäste, grösstenteils Engländer, bewirtete Theresia Hanselmann diese in der Privat-Wohnung mit dem
Familiengeschirr. Somit dürfte ihre Wohnung das erste Tea-Room in St. Moritz gewesen sein.
Ende des Jahrunderts erwarben Fritz und Theresia Hanselmann die Liegenschaft an der Via Maistra, die bis heute
der Sitz der Konditorei Hanselmann ist. In mehreren Bauetappen wurde das Haus ausgebaut und aufgestockt. Bereits
l907 wies das Gebäude den heutigen Grundriss auf, hatte aber noch ein Giebeldach. Soweit ein summarischer
Ueberblick über den baulichen Werdegang in der Gründungszeit..
Viel wichtiger als das Bauliche scheint uns hingegen, in welchem Sinn und nach welchen Qualitätsnormen der
junge Betrieb geführt wurde. Da darf gesagt werden, dass Qualität und Kundendienst die obersten Maximen
waren. Fritz Hanselmann als ausgewiesener Bäckereifachmann sorgte für die Qualität in der Backstube,
in der Produktion.
Frau Theresia, unterstützt durch ihre Schwester, Frau Josefine Müller, war für die Küchenspezialitäten
zuständig. Gänseleber zum Beispiel wurde noch zusätzlich durch die Beigabe von Cognac und verschiedenen
Gewürzen verfeinert und so zu einer geschätzten Gaumenfreude.
Josefine Müller, die während ihres ganzen Lebens bei ihrer Schwester blieb und im Betrieb tätig
war, leistete in Küche und Kaffee-Küche eine enorme Arbeit. Beim Bedienen der Kundschaft befleissigte
sich Theresia Hanselmann grösster Freundlichkeit und Zuvorkommenheit. Bemerkenswert ist auch, wie diese Frau,
die ohne Fremdsprachenkenntnisse nach St. Moritz kam, sich bald einmal mit Engländern, Franzosen und Italienern
verständigen konnte.
Fritz Hanselmann, der nach getaner Arbeit in der Backstube, in sauberer Bäckerkleidung, mit hoher Kochmütze
im Ladenverkauf mithalf, war eine gern gesehene, symphatische und imposante Erscheinung. Auch im privaten Leben
war er eine joviale, kontaktfreudige Persönlichkeit. So nahm er beispielsweise an Pferderennen auf dem gefrorenen
See bei den Trabrennen teil. Er war ein begeisterter Jäger, wobei ihm der Aufenthalt in der freien Natur wichtiger
war als der Jagderfolg.
Auch zu den Schulkindern hatten Fritz und Theresia Hanselmann ein sehr gutes Verhältnis. In der damaligen
Zeit waren Kuchen und Süssigkeiten noch etwas Besonderes, und so kamen die Kinder nach der Schule häufig
ans Backstubenfenster und baten um "Pasti ruti", d.h. um zerbrochene Kuchen, die ihnen Fritz Hanselmann
auch immer gab. Ebenso beschenkte Theresia Hanselmann gerne Kinder. So erzählen heute noch betagte St. Moritzer,
immer wieder etwas Süsses erhalten zu haben. In diesen Zusammenhang gehört auch der seit Menschengedenken
geübte Brauch, am Chalanda Marz, dem Frühlingsfest der Engadiner Jugend, allen Schulkindern eine Bütschellina
(Hefegebäck mit Rosinen) zu geben.
Die Jahre vor der Jahrhundertwende und bis zum ersten Weltkrieg waren wirtschaftlich eine gute Zeit, die Saisonen
zwar kurz aber intensiv. So war die Wintersaison Anfang März bereits zu Ende. Doch konnte sich in dieser Zeit
der junge Betrieb konsolidieren und sich einen guten Ruf und einen grossen Bekanntschaftsgrad bei der internationalen
Gästeschaft erwerben.
1894 wurde Tochter Clara geboren, eine grosse Freude für das Ehepaar Hanselmann. Aus den vorhergehenden Darlegungen
ergibt sich, dass die Geschäftsgründung ein paar Jahre vor l894 erfolgt ist. Da wir den genauen Zeitpunkt
nicht mehr feststellen konnten, haben wir es als sinnvoll erachtet, das Geburtsjahr des Töchterchens Clara
auch als das Gründungsjahr anzunehmen. Dies umsomehr, als sie ihr ganzes Leben und ihre Schaffenskraft in
den Dienst des Betriebes gestellt hat.
l913, also kurz vor dem ersten Weltkrieg konnte eine wichtige, und vorläufig letzte Bauetappe in Angriff genommen
werden. Das Haus wurde um zwei Stockwerke erhöht, erhielt ein Flachdach und somit das heutige Aussehen.
Die Kriegszeit 1914 - 1918 war für das Geschäft eine schwere Zeit, wie für alle Betriebe in St.
Moritz. Die ausländischen Gäste blieben aus, und angesichts der Weltlage herrschte eine gedrückte
Stimmung. Gute Beziehungen wurden zu den Offizieren und Soldaten der Grenzbesetzung gepflegt. So versorgte Fritz
Hanselmann die Soldaten auf die Festtage mit Süssigkeiten. Sogar den Grenztruppen auf dem Stilfserjoch (Stelvio)
sandte er auf Weihnachten Gebäck und Kuchen. Im Tea-Room gab es einen Tisch, an dem sich die Offiziere trafen,
und der Regimentstisch hiess.
In der Zeit nach dem Krieg erlebte der Betrieb die Höhen und Tiefen der Konjunktur. Anfang der Zwanziger Jahre
blühte der Fremdenverkehr auf bis zum bekannten Börsencrash und der nachfolgenden tiefen Rezession. Tochter
Klara musste schon in jungen Jahren mitarbeiten. Sie war ihren Eltern eine grosse Hilfe und wurde so natürlich
auch in die Familientradition eingeführt. Ein wichtiges Ereignis war die Verleihung des St. Moritzer-Bürgerrechts
am 3.5.1919 an Fritz Hanselmann, seine Frau und seine Tochter.
Ein schwerer Schlag traf die Familie und den Betrieb l923 durch den plötzlichen Tod des Gatten, Vaters und
Firmengründers. Fritz Hanselmann erlag nach einer schweren Lungenentzündung einer Embolie. In dieser
Notsituation übernahm Gottlieb Müller, ein Bruder von Frau Hanselmann, der in Sils Inhaber der jetzigen
Bäckerei Schulze war, die Leitung der Backstube. Gottlieb Müller, ein ausgwiesener Fachmann, war bekannt
besonders für die Salz- oder Laugenbretzel die, da er sie zuvor in seinem Betrieb in Sils hergestellt hatte,
auch "Silserli" genannt werden. Die Familie Müller zeichnete sich überhaupt durch einen grossen
Zusammenhalt und gegenseitige Hilfsbereitschaft aus. Ausser der Schwester die, wie gesagt, ihr ganzes Leben im
Betrieb tätig war, halfen aushilfsweise immer wieder während längerer oder kürzerer Zeit Nichten
von Frau Hanselmann tatkräftig mit. Anderseits konnten diese auch immer auf die Hilfe ihrer Tante rechnen.
Ein neuer Abschnitt in der Geschichte der Familie und des Betriebes begann l925 durch die Heirat von Clara Hanselmann
mit Lothar Mutschler. Herr Mutschler, der als Bücherrevisor sehr solide kaufmännische Kenntnisse mitbrachte,
war eine grosse Hilfe. Er besorgte alle buchhalterischen und administrativen Belange mit grosser Gewissenhaftigkeit
und Genauigkeit. Darüber hinaus half er während der Hauptverkaufszeiten im Ladenverkauf. Während
der Teezeit arbeitete er, wie man heute sagen würde, als Chef de Service. Er plazierte die Gäste, das
heisst, er half ihnen im überfüllten Lokal einen freien Tisch oder einen Platz zu finden und kümmerte
sich um ihr Wohl. Während der Cocktailzeit, zwischen ll.00 und l2.30 Uhr, bereitete er die Cocktails auf eine
ganz spezielle, und von der anspruchsvollen Kundschaft sehr geschätzte Art. Durch seine ganze Arbeit war er
eine wertvolle Stütze für Theresia Hanselmann.
1926 erhielt die Familie Mutschler Zuwachs durch die Geburt eines Sohnes. Der bekannte Arzt Dr. Oskar Bernhard
soll, in Anlehnung an den Namen des Grossvaters, von der Klinik aus telephoniert haben: "Der kleine Fritz
ist da", womit das Kind auch schon seinen Namen hatte.
Ein Höhepunkt für St. Moritz und für die einheimischen Betriebe waren l928 die Olympischen Winterspiele.
Die Jahre bis zum zweiten Weltkrieg waren geprägt, wie schon erwähnt, durch eine schwere Krise und, während
der dreissiger Jahre, durch einen leichten Aufschwung. Wenn es auch immer das Bestreben war, alle Gäste gleich
zu behandeln, so seien doch einige bekannte und berühmte Persönlichkeiten erwähnt, die wir zum Kundenkreis
zählen durften. In der Konditorei Hanselmann verkehrten gekrönte Häupter wie z.B. das griechische
Königspaar, König Farouk von Aegypten, der rumänische Ministerpräsident Titulescu ,Kaiserin
Soraya, Prinzessin Alexandra von Kent, der Schriftsteller Thomas Mann. Ein anderer prominenter Gast war Aga Khan,
der jeden Nachmittag seine heisse Schokolade trank und seinen Cresta Toast (eine getoastete kleine Bütschella)
ass. Es wären noch andere bekannte und berühmte Namen zu nennen, doch das würde zu weit führen.
Nach wie vor aber war die Erhaltung der Qualität das Hauptanliegen der Familie. Der Haustee wurde, und wird
übrigens auch heute noch, aus drei verschiedenen Teesorten in einem bestimmten Verhältnis gemischt. Ebenso
wurde und wird die Trinkschokolade nach einem Hausrezept aus Schokoladenpulver und Cacao zubereitet. Bei der Produktion
werden heute wie damals nur natürliche, bekömmliche Rohstoffe benutzt, etwas, das heute bei den vielen
Fertigprodukten und chemischen Hilfsmitteln, die auf dem Markt sind, noch wichtiger ist als früher. Grosse
Verdienste für die Erhaltung und Fortführung der Qualität erwarb sich Edmund Müller, ein Neffe
von Theresia Hanselmann, der Anfang der dreissiger Jahre als junger Konditor in den Betrieb eintrat. Bald einmal
wurde er Chef der Konditorei-Confiserie-Abteilung, als deren Leiter er mit grossem Einsatz und Können bis
zu seiner Pensionierung im Jahr l970 tätig war.
1939 konnte ein schon länger geplanter, aber durch Einsprachen immer wieder verhinderter Umbau realisiert
werden. Der untere Saal wurde im Mittelteil um vier Meter gegen die Seeseite hin erweitert. Diese Vergrösserung
erbrachte gegen vierzig zusätzliche Sitzplätze und der ganze Raum wirkte offener und grosszügiger.
Die Holztäferung musste erneuert und die Bestuhlung ersetzt werden. Das Dach des so entstandenen Vorbaus diente
fortan als offene Terrasse. Durch diese baulichen Veränderungen wurde die Fassade aufgelockert und verschönert.
Alle diese Arbeiten waren erst kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges beendet.
Der zweite Weltkrieg stellte an den Durchhaltewillen und die Energie der Unternehmer in St. Moritz hohe Anforderungen,
denen sich auch das Geschäft Hanselmann tapfer stellte. Die Rationierung aller in der Produktion verwendeten
Rohstoffe wie Mehl, Zucker, Butter, Fett, Eier, Schokolade etc. aber auch allen Heizmaterials, zwang zu rationellstem
Einteilen jeglichen Rohstoffs. Dazu kam die immense Arbeit mit den Rationierungsmarken, die beim Verkauf oder bei
Lieferungen vom Kunden eingezogen werden mussten um dann einzeln auf grosse Bogen aufgeklebt zur Kontrolle nach
Bern an das Amt für Kriegswirtschaft geschickt werden mussten. Noch mühsamer war die Vorschrift, dass
nur einen Tag, und später sogar nur zwei Tage altes Brot verkauft werden durfte. Im Brotmagazin wurde die
ganze Produktion von zwei Tagen, getrennt und genau datiert, aufbewahrt. Bei den häufigen Kontrollen wurde
jeder Laib Brot einzeln gezählt.
Aber nicht nur die administrativen Einschränkungen und Vorschriften waren ein Problem. Die wirtschaftliche
Lage war wegen der Kriegswirren sehr angespannt. Die auswärtige Gäste blieben weitgehend aus. Die Verkaufsmöglichkeiten
waren wegen der Rationierung und auch wegen der finanziellen Möglichkeiten der Kundschaft eingeschränkt.
Ein Blick auf die damals gemäss Gesamtarbeitsvertrag vorgeschiebenen und bezahlten Löhne dürfte
das belegen und auch sonst von Interesse sein. So betrug l941 der Lohn für einen Bäcker-Konditor zwischen
achtzig und hundertzehn Franken. Eine Verkäuferin verdiente zwischen hundertzwanzig und hundertvierzig Franken,
eine Haushaltsangestelle neunzig Franken.
Nach dem Tod von Theresia Hanselmann im Jahre l947 oblag die Führung des Unternehmens Clara und Lothar Mutschler,
die nun in der zweiten Generation die Tradition der Gründer fortführten und mit ganzem Einsatz den Betrieb
leiteten. Die Winterolympiade von l948 war geschäftlich ein Erfolg. Sie brachte St.Moritz einen Aufschwung
und einen grossen Bekanntheitsgrad. Genau in diese zehn Tage fiel die Aufhebung der Rahm-Rationierung. Es bleibt
uns unvergessen, wie gross der Nachholbedarf der Menschen nach Süssigkeiten war, und was für Mengen an
Meringues verzehrt wurden. Während der Vieruhr - Teezeit war eine Verkäuferin etwa zwei Stunden ununterbrochen
von der Backstube in den Laden unterwegs um auf einem grossen Plateau jeweils fünfzig Meringues als Nachschub
zu bringen.
Als l955 Lothar Mutschler starb, übernahm Sohn Fritz die Führung des Betriebes, zusammen mit Mutter Clara.
Zu ihrer Unterstützung trat Anny Müller-Lipp, die Frau des Konditorei-Chefs Edmund Müller in den
Betrieb ein. Durch ihre Tüchtigkeit war sie eine grosse Hilfe und wegen ihrer Freundlichkeit sehr beliebt.
1958 heirateten Fritz Mutschler und Verena Bitsche aus Kreuzlingen. Verena, die auch aus einer Bäckersfamilie
stammt, hatte das nötige Wissen, um bei der Arbeit und der Betriebsführung mithelfen zu können.
In diese Epoche fielen die konjunkturstarken sechziger und der Anfang der siebziger Jahre. Die Saisons waren sehr
gut und lang, St. Moritz beherbergte viele Gäste.
Auch die Parahotellerie erlebte einen grossen Aufschwung, was dem Geschäft eine neue Kundschaft zuführte,
die ihren Bedarf an Lebensmitteln wie Brot, Süssigkeiten, Snacks und anderem im Verkaufsladen deckte. Im Verlauf
dieser Jahre wurde die Ladeneinrichtung zweimal erneuert und den gestiegenen Bedürfnissen angepasst. Aber
auf lange Sicht genügten solche kleineren Renovationen und Verbesserungen nicht mehr. Es drängte sich
eine Gesamtrenovation zur Optimierung der Arbeitsabläufe, zur Verschönerung der Räumlichkeiten und
zur
besseren und speditiveren Bedienung der Gäste auf.
l970 wurde die Rechtsform des Betriebes geändert und die bestehende Kommanditgesellschaft in eine Aktiengesellschaft
umgewandelt mit dem Namen: F. Hanselmann's Erben AG. Mit dieser Bezeichnung sollte in Dankbarkeit der Gründer
gedacht, und auf die Familientraditon hingewiesen werden.
l972 entschloss sich Fritz Mutschler, die Gesamterneuerung des Betriebes an die Hand zu nehmen. Im Winter 72/73
wurde mit der Planung, der Offert-Einholung, der Vergabe der Aufträge, kurz mit der unmittelbaren Bauvorbereitung
begonnen. Der Beginn der Umbauarbeiten war auf Frühjahr l973, nach Saisonschluss geplant. Die Baueingaben
waren gemacht und bewilligt, alles schien in Ordnung. Die Maschinen waren ausgeräumt, die Abbrucharbeiten
begonnen, da wurde von der Baupolizei ein sofortiger Baustop verhängt. Dies wegen der vom Bund gegen die überbordende
Konjunktur im Bauwesen erlassenen Bausperre für Neubauten. Da ja schon mit dem Abbruch begonnen worden war,
stellte diese Verfügung eine existenzielle Bedrohung des Unternehmens dar. Es musste nun bewiesen werden,
dass es sich um keinen Neubau, sondern um ein Um- und Sanierungsbauvorhaben handelte. Die kantonalen Behörden
erklärten sich für unzuständig, und so musste Fritz Mutschler bis nach Bern und beim Delegierten
des Bundes für Baufragen vorsprechen. Es gelang, den Beamten zu überzeugen, dass es sich tatsächlich
um einen notwendigen Sanierungsbau handelte, und so wurde die Bewilligung nach drei Wochen des Hoffens und Bangens
erteilt. Drei Wochen von der kostbaren, ohnehin kurz bemessenen Bauzeit aber waren verloren. Ausser den Bauverboten
brachte die Hochkonjunktur eine andere wesentliche Komplikation: die Kreditbeschränkungen der Banken. Ohne
die Bemühungen und den Einsatz von Herrn Heinz Blöchlinger von der Schweiz. Volksbank und Herrn Jakob
Alder vom Schweiz. Bankverein St. Moritz hätten wir in der damaligen Zeit kaum den benötigten Kredit
erhalten.
Die Bauarbeiten an sich gingen, so umfangreich und statisch heikel sie waren, speditiv und problemlos über
die Bühne. Das Haus wurde praktisch ausgehöhlt. Man sah vom Keller bis zum Dach. So wurden anstelle eines
einzigen kleinen elektrischen Warenliftes und eines Handliftes vier Waren- und ein Personenlift eingebaut. Ein
Teil des Treppenhauses und der Hauseingang mussten versetzt werden, um den betrieblichen Ablauf - das Hauptziel
des Umbaus - optimieren zu können. Die Kaffeeküche und die warme Küche wurden von zwei auf einer
Etage zusammengelegt. Die Bäckerei, in der ja meistens nachts gearbeitet wird, wurde im ersten Untergeschoss
nach hinten auf die fensterlose Seite, die Konditorei gegen die Fensterfront verlegt. Die Confiserieabteilung kam
in das zweite Untergeschoss. Der Maschinenpark wurde ausgebaut und erneuert, eine Mehlsilo-Anlage erstellt. Laden
und Buffet wurden neugestaltet, der obere Saal mit einer aus Mooreiche gefertigten Holztäferung freundlicher
gestaltet und neu möbliert. Zudem wurde die bisher offene Terrasse überdeckt und in den Raum integriert,
wodurch ganzjährig nutzbarer, zusätzlicher Platz gewonnen werden konnte. Was hingegen noch gut und brauchbar
war wurde belassen. So mussten im unteren Saal nur einige notwendige Anpassungsarbeiten ausgeführt werden.
Den Abschluss des Erneuerungsprogramms bildete l984 die Renovation der vollständig mit
Sgraffito verzierten Fassade, die seinerzeit von Emil Weber, dem Bruder der bekannten Künstlerin Mili
Weber, geschaffen worden war. Rückblickend kann gesagt werden, dass der Umbau zweckmässig war und gelungen
ist, hat sich doch das ganze Konzept in den letzten zwanzig Jahren im Wesentlichen bewährt.
1978 verstarb Klara Mutschler im Alter von 84 Jahren. So konnte sie den krönenden Abschluss der Bauarbeiten,
die Restauration der Fassade, nicht mehr erleben. Trotz ihres Alters hatte sie den Umbau positiv mitgetragen. Nachdem
sie ihr ganzes Leben im Betrieb mitgearbeitet hatte, war sie auf das engste mit ihm und der langjährigen Kundschaft
verbunden. Sie hatte die Gabe, viele Kunden sofort mit Namen begrüssen zu können, was von diesen sehr
geschätzt wurde. Solange es ihre Kräfte zuliessen, kam sie noch jeden Tag für kürzere Zeit
in den Laden. Grosse Freude hatte sie an den heranwachsenden Grosskindern, denen sie eine liebevolle Nana war.
1986 war ein ereignissreiches Jahr in der Geschichte der Unternehmung. Fritz Mutschler erkrankte schwer und fiel
für ungefähr 6 Monate aus. Sohn Beat, gelernter Bäcker-Konditor und eines der fünf Kinder der
Familie, gab eine gute Stelle auf und kam in den elterlichen Betrieb zurück, um zusammen mit Mutter Verena
während der Abwesenheit des Vaters das Geschäft zu leiten.
Das positive Ereignis war der Kauf der AG Haus Belmunt. Dank des Entgegenkommens der Kreuzschwestern von Ingenbohl
konnte der Betrieb ihre Niederlassung in St. Moritz erwerben. Dabei handelt es sich um die prächtige, wenig
oberhalb des Dorfkerns gelegene Liegenschaft "Theodosia." Als ehemaliges Internat hat das Haus viele
Zimmer und eignet sich daher geradezu ideal als Personalhaus. Dieser Kauf hat uns viele Sorgen wegen der Unterbringung
unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erspart.
Nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Universität Fribourg und dreijähriger Tätigkeit
als Abteilungsleiter der Rohwarenanalyse in der Firma Jacobs Suchard trat Andreas Mutschler, auch ein Sohn der
Familie, am l. Dezember l990 in das Geschäft ein. Mit Beat und Andreas Mutschler ist nun schon die vierte
Generation im Betrieb tätig.
Im Herbst l992 hat Fritz Mutschler, nachdem er während 37 Jahren die Firma geleitet hatte, die operative Leitung
seinen beiden Söhnen übergeben. Die Arbeits-und Kompetenz-Aufteilung wurde so geregelt, dass Sohn Beat
als Fachmann die Produktion und den Ladenverkauf übernahm, Sohn Andreas als Wirtschaftsfachmann die Buchhaltung,
die Administration und den Service.
Nun noch ein Wort zu den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Im Winter l993/94 waren im Betrieb beschäftigt:
neun Verkäuferinnen, eine Mitarbeiterin im Versand und für Vorbereitunsarbeiten für den Verkauf,
neun Serviceangestellte und ein Chef de Service, drei Bäcker, vier Confiseure bezw. Confiseurinnen, sieben
Konditoren bezw. Konditorinnen, ein Küchenchef, dreizehn Mitarbeiterinnen für Küche und Haushalt
und drei Hilfskräfte, Geschäftsleitung zwei, total 53 Personen.
Wir sind am Ende unseres Spazierganges durch das verflossene Jahrhundert unseres Geschäftes angekommen. Der
Tour d'horizon wäre aber unvollständig, würden wir nicht in Dankbarkeit all der Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter gedenken, die das Wachstum, die Entwicklung und die Geschicke unseres Betriebes durch ihre Arbeit,
ihren Einsatz und ihre Treue während kürzerer oder längerer Zeit mitgetragen und mitgestaltet haben,
und ohne deren Mithilfe der Erfolg nicht möglich gewesen wäre. Bewusst verzichten wir auf die namentliche
Erwähnung langjähriger Angestellter. Wir haben ja nur etwa die Hälfte der hundert Jahre miterlebt
und können somit verdiente Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der ersten Jahrzehnte nicht kennen, und deshalb
auch ihren Leistungen und Verdiensten durch namentliche Ehrung nicht gerecht werden. Ganz besonders danken wir
natürlich jenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die uns während Jahrzehnten oder während ihres
ganzen Berufslebens die Treue gehalten haben.
Nach diesem Blick zurück, der uns mit Dankbarkeit, Genugtuung und Freude erfüllt, hoffen wir, dass die
Firma F.Hanselmann' Erben, getragen von der vierten Generation, einer hoffentlich weiterhin erfolgreichen und hellen
Zukunft entgegen geht.
St. Moritz, 7. Februar 1994
F.M.
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